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Reinhold Becker

Wir müssen Signale aufnehmen


29.01.2011 - gac


"Die Zeit der Versprechungen ist vorbei", sagt Reinhold Becker. Er will den Bürgerinnen und Bürgern keine Zusagen für die Zukunft machen, da es ihm angesichts der unsicheren finanziellen Lage als unglaubwürdig erscheint. Der Kandidat der Marburger
Bürgerliste begreift sich somit als Alternative zu den anderen fünf Bewerbern für das Amt des Oberbürgermeisters.
Der 59-jährige stammt aus Sinkershausen. 1957 zog er nach Elnhausen. Seit 1981 ist er der Ortsvorsteher des Marburger Stadtteils.
In der Vergangenheit bekleidete Becker für die SPD weitere Ämter in Elnhausen und in der Stadt Marburg. So war er Stellvertretender SPD-Vorsitzender im Ortsverein Marburg-West und bis Oktober 2009 Erster Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Elnhausen.
Zudem war er von 1989 bis November 2010 Stadtverordneter. Von 2006 bis 2009 war er sogar Fraktionsvorsitzender der SPD in der Stadtverordnetenversammlung (StVV).
Im Oktober 2010 verließ Becker nach über 40 Jahren die SPD. Seitdem ist er Mitglied bei der Marburger Bürgerliste (MBL).
Auseinandersetzungen innerhalb der Partei und der rot-grünen Koalition hatten Becker dazu bewegt, im Herbst sein Parteibuch und das Stadtverordnetenmandat abzugeben. Nun will er sich nicht mehr auf die Vergangenheit konzentrieren, sondern den Blick nach vorne richten.
1971 hatte sich der zweifache Familienvater aufgrund seiner Bewunderung für die Arbeit und die Person des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt den Sozialdemokraten angeschlossen und damit seine politische Arbeit begonnen. Mit seiner Strategie, im Vorfeld keine Versprechungen zu machen, sei er seitdem äußerst erfolgreich, was die vielen Jahre in den verschiedenen Ämtern belegten.
"In unserer globalisierten Welt und spätestens nach der Finanzkrise 2008 kann man einfach keine Garantien geben", erklärt Becker. Seine langjährige Erfahrung in der Marburger Kommunalpolitik habe die Mitglieder der Bürgerliste dazu bewogen, ihn um die Kandidatur bei der OB-Wahl zu bitten.
Bei seiner politischen Arbeit ist es ihm wichtig, sich auf das Notwendigste und das Machbare zu konzentrieren. Dabei steht für ihn die Finanzpolitik an vorderster Stelle, denn nur daraus ließen sich weitere Entscheidungen ableiten.
"Jeder verspricht im Vorfeld etwas, kann diese Versprechungen dann aber meist aufgrund der Finanzlage nicht einhalten", beklagt Becker. Er möchte solche Entwicklungen im Vorfeld vermeiden.
Wichtig sei vor allem, an den richtigen Stellen zu sparen. Becker denkt hierbei vor allem an die Streichung der dritten hauptamtlichen Magistratsstelle sowie an die Beseitigung von Doppelstrukturen. Eine solche Verschlankung mache das System nachhaltiger und für den Bürger besser verständlich.
Auch in der letzten Amtsperiode sei zu viel Geld an den falschen Stellen investiert worden. Beispiele seien der Kauf des Turnergartens oder des Volksbank-Geländes. Positiv in Erinnerung geblieben ist ihm dagegen die Zusammenarbeit der Stadt mit der Philipps-Universität.
Neben einem verbesserten und nachhaltigeren Umgang mit Finanzen und der Beseitigung der Doppelstrukturen, will sich Becker als Oberbürgermeister für eine Bürgerbeteiligung in der Stadt stark machen. Stuttgart 21 habe gezeigt, dass man die Menschen stärker in politische Entscheidungsprozesse einbinden müsse.
Auch in Marburg würden die Bürger immer noch vor vollendete Tatsachen gestellt. Hier denkt Becker vor allem an die Umfunktionierung des Gutenberg-Centers.
"Wir müssen Signale aufnehmen und herausfinden, was die Bürger bereit sind, zu erbringen", fordert Becker. Ein solches Vorgehen erleichtere die politische Arbeit in der Stadt.
Dabei schwebt ihm das "Tübinger Modell“ vor. In der Baden-Würtembergischen Stadt arbeitet die Kommune eng mit der Universität zusammen, um die Wünsche der Bürger zu ermitteln. Ein vergleichbares System sei auch in Marburg umsetzbar, meint Becker.
Um der - sich immer weiter breit machenden - sozialen Kälte innerhalb der Gesellschaft entgegenzuwirken, will er eine finanzielle Mehrbelastung des Bürgers unter allen Umständen vermeiden. Menschen die tagtäglich hart für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssten, dürften nicht immer weiter ausgenommen werden.
Im kulturellen Bereich will er die gegebenen Möglichkeiten konsequent ausschöpfen. Durch eine bessere Vermarktung der Stadtgeschichte, die von Persönlichkeiten wie der Heiligen Elisabeth, den Gebrüdern Grimm, Martin Luther oder Emil von Behring, geprägt sei, könne man finanziell noch mehr profitieren.
Ein weiterer zentraler Punkt in seiner Arbeit als Oberbürgermeister werde die Altenpolitik sein, erklärt Becker. Sie sei eine Zukunftsaufgabe, bei der die Stadt in der Vergangenheit versagt habe.
Er setzt auf eine generationsübergreifende Politik, bei der sich unterschiedliche Altersklassen ihren Fähigkeiten entsprechend unterstützen sollten. Das solle vor allem in kleineren Wohneinheiten geschehen. Die derzeitige Lage in den großen Altenheimanlagen sieht Becker mit großer Besorgnis.
Seine Parteilosigkeit betrachtet Becker als einen Vorteil. So könne er nach seinem Gewissen reden und handeln, ohne sich Fraktions- und Koalitionszwängen unterordnen zu müssen.
Zudem sei Parteipolitik kurzsichtig, da sie keine langfristig sinnvollen Entscheidungen mehr treffe. Im Kampf um die nötigen Wählerstimmen zum Machterhalt werde immer mehr nach einem "Nach-mir-die-Sintflut"-Prinzip gehandelt, was in Zukunft sehr bedenkliche Folgen haben werde.
Da immer mehr Bürger diesen folgenschweren Prozess erkannt hätten und dementsprechend von der Parteipolitik enttäuscht seien, befänden sich Wählergemeinschaften im Aufwind. Becker ist überzeugt, dass wenn alle Parteiverdrossenen und Nicht-Wähler für ihn stimmen würden, er am Sonntag (27. März) der neue Oberbürgermeister von Marburg wird.


Giulia Coda - 29.01.2011



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