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Spektakel über Spekulanten

Ungedeckte Leerverkäufe im Landestheater


21.10.2012 - fjh

Foto: Kampfszene
Die Finanzmanager Kevin und Frank kämpfen. (Foto: Hessisches Landestheater)
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Ein brandaktuelles Thema bringt das Hessische Landestheater Marburg mit dem Stück "Naked Short Selling: Leerverkauf ohne Deckung“ auf die Bühne. Die Uraufführung der bitterbösen Komödie von Hansjörg Betschart fand am Samstag (20. Oktober) in einer Inszenierung des Autors im Theater am Schwanhof statt.
"Naked Short Selling: Leerverkauf ohne Deckung“ ein Auftragswerk für das Hessische Landestheater Marburg geschrieben.
In ihrer teuer eingerichteten Designer-Wohnung erwarten Kevin und Susan zu einem Abendessen das befreundete Ehepaar Fiona und Frank. Während Susan rastlos umherrent, um aufzuräumen und das Essen nach Maßstäben der "Haute Cuisine" zuzubereiten, stöhnt ihr Ehemann seufzend auf. Die Kurse einer Aktie steigen rasant an, was ihn in arge Bedrängnis bringt. Denn sein Freund Frank hat mit einem sogenannten "Leerverkauf" mit Millionenbeträgen auf fallende Kurse gewettet.
Während Kevin und Susan den Abend noch hektisch vorbereiten, steht Fiona schon vor der Tür. Allerdings ist sie überraschenderweise allein gekommen.
Nach kurzem Geplänkel kommt das Unerwartete heraus. Fiona hat sich von Frank getrennt, weil er mit Kevins Praktikantin Sarah zusammenziehen will.
"Sie ist die Enkelin des alten Valenberg" erklärt Kevin. Das berühmte schwedische Bankhaus verheißt seiner 19-jährigen Assistentin ein millionenschweres Erbe.
Kevin hat sie mit Frank bekannt gemacht. Mit ihm verbinden den Manager eines Pensionsfonds lukrative Geschäfte. Dabei spielt es anscheinend keine Rolle, dass Franks schweizer Bank ihn nach betrügerischen Geschäften durch einen Deal mit der Staatsanwaltschaft hat freikaufen müssen.
Dort hatte Frank neue Aktienpakete an die Börse gebracht. Dabei oblag ihm auch die Zuteilung der Aktien vor dem ersten Handelstag. Wer mit ihm befreundet war, der hatte hervorragende Aussichten auf gigantische Gewinne.
Als Frank spät am Abend doch noch auftaucht, eskaliert die Situation. Er wirft Kevin vor, ihm mit den Leerverkäufen bewusst in eine Falle gelockt zu haben. Denn Kevin wusste schon vorher von der geplanten Übernahme.
Sebastian Muskalla verkörperte den Fondsmanager Kevin sehr überzeugend als knallharten Geschäftsmann, der skrupellos seinen eigenen Vorteil sucht. "Man spekuliert nicht mit eigenem Geld, sondern mit dem von Kunden", lässt Betschart ihn naserümpfend sagen, als seine Ehefrau Susan sich besorgt nach dem möglichen Verlust seines Deals mit Frank fragt.
Ihre Rolle verkörperte Sonka Vogt ebenso glaubwürdig wie Victoria Schmidt die ehemalige Schauspielerin Fiona. Die beiden Darstellerinnen bestachen durch enormes Wandlungsvermögen und beeindruckende Ausdrucksstärke.
Auch Daniel Sempf glänzte als Frank durch eisige Kälte und ebenso gierige Härte. Fast hätte man meinen können, er sei sogar zu einem Mord bereit, wenn dann nur die Kasse kräftig klingelt. Kevin wiederum erklärte, für zwei Millionen werde er jeden Mord dekcen, auch wenn er selbst eine solche Tat nicht begehen könne.
Lediglich Ava Geralis konnte mit dem Niveau der vier anderen Schauspieler nicht ganz mithalten. Allerdings war das vielleicht auch ihrer Rolle geschuldet, die ihr nur einen kurzen Auftritt vor dem Schluss des Stücks bescherte.
Mit "Naked short Selling" ist Betschart eine satirische und zugleich fast dokumentarische Auseinandersetzung mit der Finanzwelt im 21. Jahrhundert gelungen. Die beiden Finanzmanager halten sich für unschlagbar, wenn sie ihre Geschäfte auf Kosten anderer Börsianer machen. Dabei ist jeder durchaus bereit, auch seinen "besten Freund" hereinzulegen.
Am Ende sind beide aber die Gelackmeierten. Denn sie haben ihre Rechnung ohne Rücksicht auf die Macht des schwedischen Bankhauses Valenberg gemacht.
Zudem haben sie ihre Frauen verschoben und geradezu verhökert wie Aktien. Einmal reden sie über Fiona sogar mit dem Ausdruck "Verfallsdatum", was vorher beim Termin für die ungedeckten Leerverkäufen gefallen war.
Mit seiner Auftragsproduktion für das Hessische Landestheater Marburg hat Betschart eine zugleich vergnügliche wie auch nachdenklich stimmende Kritik am Börsenhandel abgeliefert. Alles wird allein nach seinem finanziellen Wert eingestuft. Selbst Menschen betrachten Kevin und Frank als Investition oder Spekulationsobjekt.
Das Publikum hat die Inszenierung sichtlich überzeugt. Begeisterte Pfiffe und sehr langanhaltender Applaus zeigten seine Zustimmung zu der gelungenen Auseinandersetzung mit dem Primat der Wirtschaft vor den Menschen sehr deutlich.


Franz-Josef Hanke - 21.10.2012



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