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Für die Bauern

Schmidts Stück "Offm Eschbann" überzeugte


02.06.2010 - fjh

Foto: Offm Eschbann
Willi Schmidt und Lisa Bier beeindruckten am Dienstag (1. Juni) in der Waggonhalle. (Foto: Erdmuthe Sturz)
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"Wer Kartoffel essen will, muss auch Kartoffel ausgraben." Mehrmals wiederholt Jost diesen Spruch seines Großvaters. Der Knecht sitzt auf einer Holzbank "offm Eschbann" und lässt sein Leben vor dem inneren Auge Revue passieren.
Das gleichnamige Bühnenstück von Willi Schmidt kam am Dienstag (1. Juni) in einer Neu-Inszenierung des Autors nach zehn Jahren wieder auf die Bühne der Waggonhalle. Rund 30 Zuschauer verfolgten eine eindringliche und eindrucksvolle Darstellung des Landlebens im Ebsdorfergrund.
Der größere Teil des Texts wird im Wittelsberger Dialekt gesprochen. Dorther stammt auch der Autor, der – ebenso wie zehn Jahre zuvor – die Hauptrolle des nachdenklichen Knechts verkörperte.
"Für die Bauern" hat er geschuftet. Wenn er arbeiten musste, dann durfte er nicht einmal das Mittagessen zu Ende verzehren. Während sie sich einen schönen Lenz machten und es sich gut gehen ließen, musste er schuften "für die Bauern".
Wie hingespuckt kam diese Äußerung mehrmals aus dem Mund des Knechts. Mit beeindruckender Feinfühligkeit wechselte Schmidt dabei den Gesichtsausdruck und die Stimmlage, ohne sich sonst auf der Bank allzu sehr zu bewegen.
Versonnen sprach er über seine Mutter Lisbeth. Achselzuckend erinnerte er sich an die Knechte Gotthard und Heinrich, die das Dorf verlassen hatten, um nach Amerika auszuwandern.
Mit einer enormen Bühnenpräsenz zog Schmidt das Publikum in seinen Bann. Leise – manchmal fast unhörbare – Sätze wechselten sich ab mit wütenden Ausrufen, die die ganze Enttäuschung eines zu kurz Gekommenen ausdrückten.
In der Schlussphase des Stücks erschien plötzlich Lisbeth auf der Bühne. Die Schauspielerin Lisa Bier irritierte manche Zuschauer, verkörperte sie doch trotz ihrer augenfälligen Jugend die Mutter des alternden Knechts.
Doch gerade diese Besetzung veranschaulichte die zeitliche Rückblende und unterstrich die Vorstellung, bei ihrem Auftritt handele es sich nur um einen Traum ihres Sohnes. Ebenso verlieh auch ihre hochdeutsche Deklamation der Aussage zusätzliche Glaubwürdigkeit, dass sie keine ungehobelte Dorfpommeranze sei.
Sie hatte im Pfarrhaus gewohnt und dort den Haushalt versorgt. Nach dem Tod seiner Frau hatte Lisbeth den Sohn des Pfarrers in ihre Obhut genommen. Wie ihren eigenen Sohn habe sie auch diesen kleinen Jungen umsorgt.
Im Pfarrhaus habe sie öfters Bücher gelesen. In ihrem Elternhaus gab es nur die Bibel. Der Pfarrer habe ihr auch Wörter erklärt, die sie nicht verstanden hatte.
Doch dann habe sich der Pfarrer eine neue Frau genommen. Lisbeth musste aus dem Pfarrhaus ausziehen. Den Haushalt und den Sohn des Pfarrers hat sie allerdings weiterhin betreut.
Der Pfarrer sei der einzige Mann in ihrem Leben gewesen, den sie wirklich geliebt habe. Er hingegen habe sie "nie so angeschaut, wie man eine Frau ansieht".
Ihren Part hat auch Bier recht gut verkörpert. An die faszinierende Ausstrahlung ihres Mitspielers reichte sie aber bei Weitem nicht heran.
Langer und begeisterter Applaus belohnte beide für ihr bewegendes und ausdrucksstarkes Spiel. Auch wenn nicht jeder im Publikum der Wittelsberger Mundart immer folgen konnte, so hatten doch alle das Wesentliche verstanden.
Schweißüberströmt kam Schmidt nach der 45-minütigen Aufführung zu den Zuschauern herab. Erschöpft verriet er, dass er derzeit an einer fiebrigen Erkältung leidet. Bei der Vorstellung hatte man davon nichts merken können.


Franz-Josef Hanke - 02.06.2010



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